Ausbildung beim Tourismusweltmeister geht am Bedarf vorbei

Gewerkschaftlich verhinderte Arbeitsplätze, veraltete Lehrbücher:

Wien (TP/OTS) - Fax statt Internet - so sieht der Tourismus in den Lehrbüchern aus. Ohne Zusatzausbildung geht heute gar nichts. Tourismusforscher Peter Zellmann sieht durch falsche Prioritätensetzung bei der Ausbildung viel Potential vergeudet.

Bis 2021 steigt laut World Travel & Tourism Council die Zahl der Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt auf den Tourismus zurückzuführen sind, weltweit um 25 %, der Anteil an der Gesamtbeschäftigung von 8,8 % auf 9,7 %. Österreich aber ruht sich auf den Erfolgen seiner Tourismusbetriebe aus (Tourismusexporte in der Höhe von 1.677 Euro je Einwohner bei 3,5 Hotelzimmern je 100 Einwohner) und schafft die Universitätslehrstühle für Tourismus ab:
"Im Land des Tourismusweltmeisters stellen wir hohe Ansprüche an die Ausbildung unserer Mitarbeiter. Wenn die aber nicht erfüllt werden, wirkt sich das auf die Wettbewerbsposition aus und wir laufen unweigerlich Gefahr, viele Arbeitsplätze, auch in nachgelagerten Bereichen, zu verlieren. Und wenn Tourismuseinnahmen wegfallen, können wir uns die Verluste bei den Sachgüterexporten nicht mehr leisten", erklären Peter Peer und Sepp Schellhorn, die Präsidenten der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV). Die Mängel in der Ausbildung ziehen sich durch alle Ebenen.

Gewerkschaft verhindert Arbeitsplätze

Dabei war der Tourismus bei der dualen Ausbildung anderen Branchen sogar einen Schritt voraus. Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) hat ein Konzept entwickelt, das strukturelle Schwächen der dualen Ausbildung überwindet: ein Modul-System, wie es international bis hin zu den Hochschulen angestrebt und teils bereits durchgesetzt wurde. Aber die Gewerkschaft verweigert die Zustimmung, obwohl laut Blitzumfrage alleine die ÖHV-Betriebe mindestens 300 neue Arbeitsplätze für einen neuen Lehrberuf "Rezeptionist/in" schaffen würden. "Dass die Gewerkschaft die Weiterentwicklung von Berufsbildern und damit Arbeitsplätze ohne inhaltliche Begründung verhindert, ist unverständlich und entzieht dem Berufsausbildungsbeirat die Legitimierung. Minister Mitterlehner sollte sich dadurch nicht beirren lassen und die Verordnung erlassen. Inhaltlich hatte die Gewerkschaft ja nichts einzuwenden", so Peer.

Lehrbücher 2011: Fax zentraler Bestandteil, Internet "ja oder nein?"

Gemeinsam mit der Umstellung auf das modulare System ist auch die Hoffnung vieler Praktiker gefallen, dass der Lehrstoff auf einen aktuellen Stand gebracht wird. Tatsächlich erläutern Unterrichtsbücher die Vorteile von Faxvorlagen, etwa, dass das Schriftstück "nicht zuerst ausgedruckt und anschließend gefaxt werden" muss. Wie aktuell das Buch ist, zeigt sich an der behandelten Fragestellung "Internet ja oder nein", die das Lehrbuch "Hotel- und Rezeptionstechnik" für HGA-Lehrlinge zu beantworten dem Schüler überlässt - nicht ohne darauf hinzuweisen, dass KMU "wohl die Anschaffung eines Internetzugangs in den nächsten Jahren planen" müssen, da "die Eintragung in gemeinsamen Buchungsplattformen (wie zB Tiscover) bzw. eine eigene Homepage sinnvoll ist."

Fachhochschulen: Ausbildung am Bedarf vorbei

Österreichs Tourismus-FHs bildeten im Vorjahr 560 Mitarbeiter aus. In der Hotellerie blieben die wenigsten - aus gutem Grund:
"Österreichs Hotellerie besteht zum Großteil aus KMU, die akademisch ausgebildete Verwaltungsmitarbeiter in dem Ausmaß nicht einsetzen können. Die Absolventen wollen in Führungspositionen, die nicht zu besetzen sind", erklärt Schellhorn. Mehr als drei Viertel der Mitarbeiter in der Hotellerie sind Fach- und Hilfskräfte, abzüglich der Lehrlinge und der Eigentümer noch viel mehr. "Wir brauchen mehr Indianer, nicht nur Häuptlinge."

Schellhorn erwartet eine objektive Analyse der Ist-Situation: "Wir sollten das Angebot an Absolventen und die Nachfrage nach Mitarbeitern nach Qualifikation gegenüberstellen, anstatt die subjektive Unzufriedenheit abgewiesener Absolventen auszuwerten. Eine Ausbildungsschiene, die für die Industrie passt, muss für den Tourismus nicht das Gelbe vom Ei sein", so Schellhorn. Eine nüchterne Bestandsanalyse wäre dringend notwendig, um danach die Richtung feststellen zu können, in die der nächste Schritt gesetzt werden soll. "Das kann von einer Aufwertung der Mittelstufe über praxisorientiertere Ausbildung auf allen Levels bis hin zu einer weiteren Spezialisierung der FHs gehen. Man dürfe sich hier nicht von vornherein einer Diskussion verschließen, das würde der Branche nur schaden. "Realitäts- und Diskussionsverweigerung sind kontraproduktiv", fordert Schellhorn eine konstruktive Debatte ein.

Zellmann: Die Zukunft der Arbeit liegt in der Dienstleistung

Prof. Mag. Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung und Autor des Buchs "Die Zuknuft der Arbeit", sieht im weltweiten Mitarbeiterwachstum nur ein Indiz für den hohen und wachsenden Stellenwert des Tourismus: "Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Dienstleistung mit ganz anderen Anforderungen an Arbeit und Ausbildung. Unsere derzeitigen Arbeitszeit- und Ausbildungsmodelle haben sich überholt", so Zellmann. Der Tourismus, eine treibende Kraft speziell in der österreichischen Volkswirtschaft, sollte wirtschaftspolitisch ins Zentrum gerückt werden: 71 % der Österreicher geben an, dass in ihrer Region fast jeder Arbeitsplatz vom Tourismus abhängt, in touristisch besonders stark ausgeprägten Regionen wie am Neusiedler See sogar 87 %.

Jeder dritte Arbeitsplatz in Österreich, so Zellmann, hängt maßgeblich vom Tourismus ab. Umso wichtiger sei es, die Zukunft der heimischen Tourismuswirtschaft zu sichern. Der Schlüssel dafür liege in einer praxisnahen Ausbildung, die sich an den Anforderungen der Auszubildenden und der Branche orientiert. Das reicht von der Lehre über die berufsbildenden Schulen bis hin zu den Fachhochschulem und Universitäten. "Berufsbildende Schulen müssen sich in die Auswahl der Betriebe einbringen, in denen Pflichtpraktika zu absolvieren sind", so Zellmann. Top-Betriebe würden beste Bedingungen bieten. Kontrollen durch Lehrer und Befragungen der Praktikanten würden hier eine Qualitätssicherung ermöglichen.

Engagement auf allen Ebenen der Aus- und Weiterbildung

Die ÖHV selbst engagiert sich - auf vielfachen Wunsch ihrer Mitgliedsbetriebe - seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung von Lehrlingen, Mitarbeitern und Unternehmern. Neben eigenen Ausbildungseinrichtungen, die von der ÖHV alleine getragen werden -der Lehrlings-Akademie, der Abteilungsleiter-Akademie und der Unternehmer-Akademie - bringt sich die ÖHV bei der Weiterentwicklung öffentlicher Bildungseinrichtungen ein. "Wir bieten allen Interessierten eine Zusatzausbildung an und die Nachfrage ist denkbar hoch. Die Grundausbildung aber muss von Haus aus passen. Das erwarten Österreichs Arbeitgeber und Arbeitnehmer ebenso, wie es die Schüler erwarten dürfen", so Peer.

Erfolge bei Praktikumszeiten und Trainee

Die jüngsten Erfolge der ÖHV können sich sehen lassen: Im Vorjahr wurde in Kärnten ermöglicht, dass Tourismusschüler ihre Praktika ab dem kommenden Schuljahr nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter absolvieren können. Und auch in drei Tiroler Tourismusschulen werden die Schüler ab 2012/13 ihre Praxis im Winter sammeln. Gemeinsam mit den Tourismusschulen Semmering hat die ÖHV in einem Schulversuch ein Trainee-Programm entwickelt, das den Vorstellungen der Ausbildungs-bzw. Arbeitgeberbetriebe ebenso entspricht wie denen der Schüler:
"Die Zufriedenheit ist hoch, wir hören keine Klagen." Das Modell entspreche vielfach den Vorstellungen von Arbeitgeberbetrieben, die im Gästekontakt auf die persönlich gereifteren Maturanten setzen wollen, und zwar auch in Positionen, in denen mehr Praxis als Theorie gefragt ist: "Wir kombinieren die fachliche Expertise der Tourismusschulen Semmering mit der Praxis in Qualitätsbetrieben. Die Zielgruppe sind Maturanten, wir bieten diese fundierte zweijährige Ausbildung auf Basis einer Anstellung als Praktikant mit einer Ausbildungsentschädigung auf Höhe eines Lehrlings im 2. bzw. 3. Lehrjahr", so Schellhorn.

Einig sind sich die Präsidenten darin, dass sich die angeführten Missstände von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar machen werden: "Die Arbeitsmarktpolitik richtet sich von der Lehre über FHs bis hin zu den Universitäten komplett nach der Industrie. Im Zeitalter der Dienstleistung ist das überholt", so Peer und Schellhorn.

Die ÖHV gestaltet als freiwillige und parteiunabhängige Interessenvertretung der führenden Hotellerie durch Lobbying die Rahmenbedingungen für modernes Unternehmertum. 1.200 Mitgliedsbetriebe nutzen operative Dienstleistungen in Marketing und Weiterbildung genauso wie ihren Vorsprung durch Innovation und Vernetzung. Mit rund 152.000 Betten - das entspricht zwei Drittel der Kapazität in der 4- bis 5-Sterne-Superior-Hotellerie - und mehr als 40.000 Mitarbeitern erwirtschaften die ÖHV-Mitglieder einen Gesamtumsatz von rund 3 Mrd. Euro. Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft generierte als Österreichs Wirtschaftsmotor 2010 über direkte und indirekte Wertschöpfung 15,1 % des BIP und jeden 5. Vollarbeitsplatz.

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Sepp Schellhorn, ÖHV-Präsident
Hotel "Der Seehof", Goldegg
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Peter Peer, ÖHV-Präsident
ImpulsHotel - Hotelentwicklung und Beratung
Tel.: +43 (0)1 889 80 25

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