ÖHV: Top-Betriebe haben ungenütztes Potenzial, Non-Performer brauchen Exit-Szenario

Hotellerie braucht Belastungsstopp und aktivierende Maßnahmen. Exit-Szenario für hochverschuldete Verlustbetriebe würde der gesamten Branche helfen.

Wien (TP/OTS) - Österreichs Tourismus genießt in aller Welt einen ausgezeichneten Ruf: „Zu Recht“, hält Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung, fest: „Die Betriebe in der internationalen Auslage sind top. Das zeigt auch die größte Branchenanalyse der österreichischen Hotellerie. Unser Anspruch ist aber, die Nr. 1 bei Innovation und betrieblicher Wertschöpfung in Europa zu werden. Nur so werden wir weiter als Wirtschafts- und Beschäftigungsturbo in Österreich spielen können.“ Der langjährige Branchenexperte Mag. Clemens Westreicher hat mehr als 3.000 Bilanzen aus 2010 und 2015 analysiert. Er untersuchte die Entwicklung der finanziellen Situation nach Bundesländern und Umsatzgrößenklassen. Präsentiert wurde die Studie von Westreicher und Reitterer beim größten Branchen-Event des Jahres, dem ÖHV-Hotelierkongress 2017 von 15. bis 17. Jänner in Bad Ischl.

Umsätze steigen stark, Kosten stärker

Über die gesamte Hotellerie hinweg sind die Umsätze im Beobachtungszeitraum um 27 % gestiegen, die Kosten um 29 %: „Das rückt die oft gefeierten Nächtigungsrekorde ins rechte Licht: Die Steuern, Abgaben und Gebühren galoppieren den Zimmerpreisen davon“, bestätigt Reitterer. Viele Gesetzesänderungen waren teuer für die Branche: die Streichung der Energieabgabenvergütung, die Anschaffung neuer Kassensysteme, die Auflösungsabgabe, die Allergenverordnung, Investitionen in den Nichtraucherschutz. Ab 2016 wirken sich auch die jüngsten Belastungen wie die Erhöhung der Umsatzsteuer von 10 % auf 13 %, die Verlängerung der Abschreibungsdauer um 7 Jahre und die erhöhte Grunderwerbsteuer in den Bilanzen negativ aus.

Belastungsstopp dringend nötig

„Ein Blick auf die Bilanzen zeigt: Schaffen wir bei Steuern und Bürokratie nicht bald den Turnaround, werden sich die Betriebsschließungen fortsetzen“, warnt Reitterer. Denn die Marktbereinigung hat bereits eingesetzt: Zwischen 2010 und 2015 sank die Zahl der Hotels, Gasthöfe und Pensionen um 6 %. Nur spezifische Maßnahmen für die Branchenspitze, das Mittelfeld und die Low-Performer würden eine optimale Performance gewährleisten, so Reitterer. Gerade jetzt, in Zeiten guter Nachfrageentwicklung, müssen die wirtschaftspolitischen Maßnahmen für die nächsten Jahre gesetzt werden.

Das Spitzenfeld: sehr gute Performance, aber auch ungenütztes Potenzial

Die Top-Betriebe sind sehr gut aufgestellt:

  • Ihr GOP beträgt 28 % der Betriebsleistung.
  • Die fiktive Schuldentilgungsdauer liegt im Top-Segment bei hervorragenden 5 Jahren.
  • Die Kapitalrentabilität der Top-Performer liegt im Durchschnitt bei 13 %.

Aber sie können nur einen Teil ihres Potenzials abrufen: Zu viel Zeit, zu viel Geld fließen in Bürokratie, Regulierung und Steuern statt in Marktbearbeitung, Qualität und Human Resources. Das gesetzliche Verbot der Ratenparität und die Investitionszuwachsprämie werden diesem Segment helfen, notwendig wären allerdings endlich Maßnahmen im Bürokratieabbau, eine weitreichende Liberalisierung der Gewerbeordnung und natürlich eine realistische Abschreibungsdauer.

Für die breite Mitte ist es 5 vor 12

Es fehlt an Geld für Investitionen und Innovationen, die Preisdurchsetzung ist zu schwach – auch weil politisch motivierten Kostensteigerungen die Mitte besonders stark treffen: Geht das so weiter, sind diese Betriebe massiv gefährdet:

  • Der GOP der Durchschnittsbetriebe beträgt 18 % vom Umsatz.
  • Für Zinsen und Tilgung von Krediten werden 80 % des Cashflows benötigt.
  • Die Kapitalrentabilität der Top-Performer liegt im Durchschnitt bei 13 %.

Übergaben werden unter diesen Umständen extrem schwierig. Sollen leistbare Quartiere für Familien und Nachwuchs im Skisport auf mittlere und lange Sicht gesichert werden, heißt es rasch handeln. Eine spürbare Senkung der Lohnnebenkosten, die Rücknahme der Umsatzsteuer-Erhöhung, eine Flexibilisierung der Arbeitszeit würden diesen Betrieben besonders stark helfen und sich positiv auf die Entwicklung des Gesamtmarkts auswirken. Die ÖHV setzt auch auf Qualifizierung und bildet in der Unternehmerakademie Managementkompetenz aus.

Für die Low Performer ist es 10 nach 12

Viele dieser Betriebe sind nur noch nicht geschlossen, weil sie es sich nicht leisten können:

  • Ihr GOP beträgt 5 % vom Umsatz.
  • Der Cashflow nach Zinsen ist negativ.
  • Die Bankenverbindlichkeiten betragen 280% des Unternehmenswerts.
  • Der laufenden Erträge sind zu gering, um getätigte Investitionen vollumfänglich zu verdienen.

Unternehmer benötigen Ausweg aus ihrem Dilemma

Hoch verschuldete Unternehmer, die jeden Tag noch mehr Geld verlieren, schaffen den Turnaround alleine nicht. Greifen keine betrieblichen Restrukturierungsmaßnahmen, müssen gemeinsam andere Lösungen gefunden werden, hält Reitterer fest: „Wir werden die Marktbereinigung nur in geordnete Bahnen bekommen, wenn wir für alle Beteiligten tragfähige Perspektiven entwickeln können.“ Die Hürden sind ja bekannt: die Aktivierung stiller Reserven, allenfalls Nachversteuerungen, Bankschulden, zu geringe Ertragskraft und Betriebsgröße, nicht zuletzt die Kosten für die Grunderwerbsteuer und fehlende Perspektiven. Eine Chance sieht die Branchensprecherin in der alternativen Nutzung vieler Immobilien oder allenfalls Grundstücke: „Sie sind der Schlüssel zu einer attraktiven Option:
Gemeinden benötigen Seniorenwohnheime, Jungfamilien Startwohnungen, Betriebe Mitarbeiterhäuser.“ Reitterer will mit dem Wirtschafts- und dem Finanzministerium, der ÖHT und den Gemeinden Lösungen finden.

Keine neuen Belastungen: Politik muss Auswirkungen von Gesetzen besser abschätzen

Reitterers dringendster Wunsch: Schluss mit neuen Belastungen, endlich Entlastungen umsetzen! „Wir brauchen da mehr Mut, mehr Unternehmertum in der Politik, mehr Blick über den Tellerrand:
Game-Changer, die mit bestehenden Strukturen und Denkmustern brechen!“ Genauso wichtig: Praxisnähe. „Das hilft, unerwünschte Nebeneffekte und indirekte Belastungen zu verhindern, etwa bei der von Bundeskanzler Christian Kern vorgeschlagenen Begrenzung von Mietzuschlägen und strengeren Regularien für die Befristung von Mietverträgen. Dahinter steckt ein löblicher Gedanke, aber die Folge davon wären wieder mehr Wohnungen für die Sharing Economy und die Verlagerung von Wertschöpfung und Steuern ins Ausland. Das kostet uns Investitionen und Arbeitsplätze. Das müssen wir verhindern. In den vergangenen Jahren wurden schon zu viele Gesetze beschlossen, die die Arbeitgeber im Tourismus belasten: „Wenn ich Bundeskanzler und Vizekanzler richtig verstehe, soll mit arbeitsplatz- und wirtschaftsfeindlichen Gesetzen jetzt Schluss sein.“

Die 1.400 Mitgliedsbetriebe der ÖHV engagieren sich für eine nachhaltige Standortpolitik mit Weitblick. Sie stellen 160.000 Betten und bilden zwei Drittel der 4- und 5-Sterne-Betten Österreichs ab. Pro Jahr erwirtschaften sie etwa 3 Mrd. Euro, alle Tourismus- und Freizeitbetriebe zusammen 15 % des BIP.

Grafiken zur Aussendung finden Sie hier:https://goo.gl/XNpnl5, hier:
https://goo.gl/Vewq3q und hier: https://goo.gl/KQhpGR

Ein Portraitbild von ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer finden Sie hier: https://goo.gl/S8IjtI

Weitere Informationen zum ÖHV-Hotelierkongress finden Sie unter www.hk17.at

Rückfragen & Kontakt:

Martin Stanits
Leiter Public Affairs & Research
T: +43 664 516 08 31
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