Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 7. Jänner 2020. Von MARIO ZENHÄUSERN. "Politik und Tourismus unter Zugzwang".

Innsbruck (OTS) - Das klare Nein der Tirolerinnen und Tiroler zur Liftehe Pitztal-Ötztal belegt den tiefen Riss zwischen jenen, die direkt von den Gästen profitieren, und jenen, die unter den von ihnen mitverursachten Belastungen leiden.

Die Tirolerinnen und Tiroler erteilen der geplanten Verbindung der Skigebiete am Ötztaler und am Pitztaler Gletscher eine Abfuhr: 70 Prozent der Befragten sprechen sich in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Tiroler Tageszeitung gegen das Projekt aus.
Die Gründe für die Ablehnung sind vielfältig. Die Hauptrolle spielt wohl die Inanspruchnahme von unberührter Natur in einem Ausmaß, das von Umweltschutzverbänden und einer Mehrzahl der Menschen in Tirol gleichermaßen negativ gesehen wird. Darüber hinaus ist eine immer kritischere Haltung dem Tourismus gegenüber festzustellen. Zwischen jenen, die direkt von den Gästen profitieren, und jenen, die unter den von ihnen mitverur­sachten Belas­tungen zu leiden haben, existiert ein tiefer Riss. Weder den Touristikern noch der Politik ist es bislang gelungen, das zu ändern.
Mit zu dieser verfahrenen Situation beigetragen hat freilich auch eine gewisse „Mir san mir“-Mentalität der Tourismus-Bosse in der Vergangenheit. Auf die Tatsache bauend, dass ihre Branche maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass die Menschen im Land Arbeit und Brot haben, verließen sich zu viele zu oft auf die normative Kraft des Faktischen. Seilbahner, die für Skipisten Schneisen durch Wälder schlagen, ohne dafür eine Genehmigung zu besitzen, Hotelbetreiber, die ihren Betrieb ausbauen und erst dann um die erforderliche Bewilligung ansuchen, Speicherseen und Golfplätze, die ohne Zustimmung der Behörde errichtet wurden – hat es alles schon gegeben. Die Liste ließe sich schier beliebig fortsetzen. Diese Ignoranz gesetzlichen Bestimmungen gegenüber wurde früher oft großzügig toleriert, die Eigenmächtigkeiten pardoniert. Das hat sich nachhaltig geändert. Trotzdem kommt es immer wieder zu Einzelfällen. Die fügen nicht nur der Tourismusgesinnung im Lande schweren Schaden zu. Sie reichen auch aus, um Projekte wie die Liftehe Pitztal-Ötztal zu erschweren oder gar zu verhindern – selbst wenn sie gut argumentierbar sind.
Das Nein der Bevölkerung zum Skigebiets-Zusammenschluss ist deshalb ein Auftrag an die Verantwortlichen in Politik und Tourismus. Sie müssen versuchen, einen Ausgleich zu schaffen zwischen jenen, die von den Gästen profitieren, und jenen, die nur die negativen Auswirkungen (Verkehr, Lärm, etc.) zu spüren bekommen. Vor allem müssen sie ein Angebot für Gäste UND Einheimische schaffen und es mit dem Klima- und Umweltschutz in Einklang bringen. Denn das ist den Menschen im Land momentan eindeutig wichtiger als eine Liftehe.

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