WIFO – Olympia: Keine großen Wirtschaftsimpulse für Tokio zu erwarten

Wien (OTS) - Vergangene Großereignisse belebten regionale Wirtschaft zumindest kurzfristig, aber laut WIFO-Ökonom Matthias Firgo ist "nicht alles Gold, was glänzt".

"Aufgrund ausbleibender Touristenströme sind bei den Olympischen Spielen in Tokio deutlich geringere positive Impulse für die Wirtschaft der Gastgeberregion zu erwarten", erklärte WIFO-Regionalökonom Matthias Firgo, der jüngst in der renommierten Fachzeitschrift Regional Science and Urban Economics der Frage nachging, welche kausalen Effekte die Olympischen Sommer- und Winterspiele seit den 1990er-Jahren im Durchschnitt auf das Wohlstandsniveau (BIP pro Kopf) der Austragungsregionen hatten.

"Während die COVID-19-Pandemie die wirtschaftlichen Effekte in Tokio heuer deutlich verringern dürfte, zeigten sich bei vergangenen Spielen – zumindest kurzfristig – deutlich positive Effekte auf den Wohlstand der Austragungsregionen", so Firgo bei der Präsentation seiner Forschungsergebnisse im Vorfeld des am 23. Juli 2021 beginnenden Großereignisses.

1. In "normalen Zeiten": Zumindest kurzfristig positive regionale Impulse beobachtbar

"Im Jahr des Events und dem Jahr davor stieg das regionale BIP pro Kopf in früheren Gastgeberregionen durch das Event im Durchschnitt um 3 bis 4 Prozentpunkte gegenüber dem BIP pro Kopf des jeweiligen Landes", so Firgo. Für ganze Länder fanden frühere Studien keinerlei messbare Effekte. Auch für längerfristige positive regionale Effekte nach Sommerspielen gibt es laut Firgos Studie Hinweise. Diese erweisen sich in seiner statistischen Analyse allerdings nicht als robust genug, um als gesichert gelten zu können.

Der kurzfristige wirtschaftliche Nutzen im Jahr des Events bzw. dem Jahr davor dürfte in "normalen Zeiten" neben hohen Infrastrukturinvestitionen zu einem guten Teil auf den Zustrom an internationalen Touristen, Delegationen und deren Ausgaben in der Region zurückzuführen sein. Dies deckt sich auch mit früheren Ergebnissen der Literatur, die typischerweise einen deutlichen Anstieg in touristischen Ankünften im Gastgeberland im Jahr von Olympischen Spielen und in den Jahren vor solchen Großereignissen, nicht aber in den Jahren danach findet.

2. Verdrängungseffekte: Es entsteht nicht immer zusätzliche Wertschöpfung

Meist werden solche positiven wirtschaftlichen Effekte und eine hohe Umwegrentabilität als Hauptargumente für die beträchtlichen Summen an öffentlichen Mitteln genannt, die in die Ausrichtung von sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen investiert werden. Diese Argumente werden häufig mit Impact-Studien untermauert, die verdeutlichen sollen, dass jeder eingesetzte Euro, Dollar oder Yen über direkte und indirekte Effekte mehrfach retour und das Event damit der heimischen Wirtschaft und Bevölkerung zugutekommt. Ausgelöst würden diese Effekte einerseits durch hohe Investitionen in Sportstätten und die Modernisierung der allgemeinen Infrastruktur, andererseits durch vermehrten internationalen Tourismus, einen enormen Werbewert und globale Aufmerksamkeit bei perfekter Inszenierung des Austragungsortes und des Gastgeberlandes.

"Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Bei weitem nicht alle Aktivitäten in Zusammenhang mit einem Großereignis lösen tatsächlich zusätzliche Wertschöpfung aus", so Firgo. Vielmehr kommt es sowohl bei öffentlichen Ausgaben als auch im privaten Konsum zu einer Reihe von Substitutions- und Verdrängungseffekten.

Deshalb fallen die tatsächlichen Nettoeffekte einer solchen Veranstaltung unter Berücksichtigung von Opportunitätskosten üblicherweise deutlich geringer aus, als von den typischen Impact-Studien geschätzt wird. Öffentliche Mittel, die in neue Stadien investiert werden, fehlen im öffentlichen Budget an anderen Stellen, wo sie ebenfalls produktiv verwendet werden könnten. Einheimische kaufen Tickets für ein olympisches Event statt für ein Konzert. Internationale Sport-Fans verdrängen in der Zeit des Events häufig zahlungskräftigen Kongress- und Kulturtourismus. Viele der Olympia-Touristen wären andernfalls vielleicht ein paar Jahre früher oder später ohnehin als Touristen in die Gastgeberregion gekommen, kombinieren die Reise nun aber eben mit dem Event. Die Liste an Beispielen lässt sich beliebig erweitern.

3. Winterspiele: Keinerlei Hinweise auf positive Effekte

Keine messbaren Impulse gehen laut Firgo übrigens von Olympischen Winterspielen aus. Die Studienergebnisse liefern in Summe keinerlei Hinweise auf positive Effekte auf das Wohlstandsniveau der Gastgeberregionen – weder kurz- noch langfristig. Das dürfte einerseits an der kleineren Dimension von Winterspielen liegen, und dem damit verbundenen geringeren unmittelbaren Aktivitätslevel und Werbewert im Vergleich zu Sommerspielen. Außerdem finden Winterspiele während der touristischen Hauptsaison statt, in der Wintersportregionen meist ohnehin gut bis völlig ausgelastet sind. Damit kommt es bei Winterspielen zu deutlich höheren Verdrängungseffekten im Tourismus.

Nähere Informationen finden Sie bitte unter https://bit.ly/2UliKQC.

Rückfragen & Kontakt:

Rückfragen bitte am Sonntag, dem 18. Juli 2021, zwischen 9:00 und 12:00 Uhr, an Mag. Dr. Matthias Firgo, Tel. (1) 798 26 01 – 471, matthias.firgo@wifo.ac.at

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