Hallo, Wien, klare Fakten!

Die Deutschen sollen kommen, den Österreichern schneidet die Bundesregierung den Weg in den Süden ab. Grenzöffnungen und Tourismus können keine Einbahn sein.

Koste es, was es wolle. Nach diesem von ihr geprägten Motto möchte die Bundesregierung die Sommersaison für den heimischen Tourismus retten. Die Österreich Werbung erhält ein Sonderbudget von 40 Millionen Euro. Die Beschäftigten im Tourismus sollen flächendeckend auf das Covid-19-Virus getestet werden, ab Anfang Juli in ganz Österreich 65.000 Tests pro Woche durchgeführt werden. Diese guten Nachrichten verkündeten gestern der Bundeskanzler und die Tourismusministerin.

Mit den Tests als Vorsichtsmaßnahmen will Österreich sich als sicheres Urlaubsland präsentieren. Und damit wohl auch dem verheerenden Bild entgegenwirken, das vom Winter-Infektionsherd Ischgl europaweit ausgesandt wurde. Mit dem Slogan „Auf dich wartet ein guter Sommer“ wird man vor allem die zahlenmäßig mit Abstand stärkste Gästegruppe umwerben, die Deutschen. Für sie werden die Reisebeschränkungen bald aufgehoben.

Zu Deutschland, zur Schweiz und zu Liechtenstein gehen die Grenzen am 15. Juni vollständig auf. Und zwar auf Basis bilateraler Gespräche. Auf gemeinsame Richtlinien aller EU-Staaten für die Rücknahme der Reisebeschränkungen konnten sich die Tourismusminister bei einer Videokonferenz am Mittwoch nicht einigen. Deshalb werden Grenzöffnungen nur auf Basis bilateraler Abkommen erfolgen können.

Die Grenzöffnungen müssten „vorsichtig und schrittweise“ sowie auf Basis „klarer Fakten und klarer Gesundheitsdaten“ erfolgen, sagt der Außenminister. So weit, so nachvollziehbar.

Nicht nachvollziehbar ist, warum neben Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein sich Wien auch mit Tschechien, der Slowakei und Ungarn über die Öffnung der Grenzen Mitte Juni bereits geeinigt hat, während es für die südlichen Grenzen Österreichs nicht nur keinen Zeitplan, sondern offenbar nicht einmal intensivere bilaterale Gespräche gibt.

Die Vorsicht gegenüber Italien ist angesichts der Härte, mit dem das Nachbarland vom Virus getroffen wurde, verständlich. Mittlerweile ebbt die Pandemie im ganzen Land ab. Die Nachbarregionen Friaul und das Veneto waren nie so stark betroffen. Deshalb gilt es, auf die „klaren Fakten und Gesundheitsdaten“ zu schauen, auch in Bezug auf Slowenien. Dieses südliche Nachbarland hat geringste Infektionszahlen und hohe Testraten.

Der Appell des Kanzlers und der Ministerin, die Österreicher mögen ihren Urlaub heuer daheim verbringen, ist zu unterstreichen. Aber bitte freiwillig!

Die Deutschen sollen kommen und ihr Geld hierlassen, den Österreichern schneidet man den Weg in den Süden ab? Nicht nur Tourismus kann wohl keine Einbahn sein!

Die Grenzöffnung im Süden braucht es nicht nur für den Tourismus, sondern für die gesamte Wirtschaft im Alpen-Adria-Raum. Hallo, Wien, im Süden Österreichs leben auch Staatsbürger, die das Recht haben, dass ihre Interessen von der Bundesregierung wahrgenommen werden.