"Wir blicken in eine sehr gute Saison"

Tourismus. Während viele Branchen mit Bangen in die Zukunft schauen, herrscht im Tourismus Aufbruchstimmung. Der Sommer ist gut gebucht, selbst die Personalnot sehen nicht alle Unternehmer als unlösbares Problem.

von Gerhard Hofer

Erwin Berger ist prinzipiell ein optimistischer Mensch. Der Hotelier betreibt das Mountain Ressort Feuerberg auf der Gerlitzen in Kärnten. "Wir blicken in eine sehr gute Saison", sagt er. Und er meint nicht nur seinen 160 Mitarbeiter zählenden Betrieb. Die Branche hat allgemein einen guten Sommer vor sich. Auch wenn die "große Leichtigkeit" fehlt, sagt Berger und meint damit die vielen Sorgen, die nach wie vor die Menschen beschäftigten. Corona, Krieg, Teuerung. "Die Krise hört einfach nicht auf."

Es ist aber auch diese Krise, vor allem die Pandemie, die gezeigt hat, wie wichtig der Tourismus für die heimische Wirtschaft ist. Berger geht sogar einen Schritt weiter. "Der Tourismus hat auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion", sagt er. Ein Ortswechsel sei wichtig für die "psychische Hygiene", gerade in schwierigen Zeiten. "Die Branche hat an Bedeutung gewonnen", sagt der Hotelier.

Die Branche entwickle sich vor allem aber als "Stabilisator unserer Volkswirtschaft", sagt Wirtschaftsforscher Oliver Fritz, Tourismusexperte des Wifo. Waren es zu Beginn der Coronapandemie die fehlenden Tourismus-Einnahmen, die die Wirtschaftsleistung tief absacken ließen, so kommt es jetzt zur Gegenbewegung. Sollte Österreich nicht wie andere Länder in die Rezession rutschen, dann liege das am Tourismus, der immerhin 7,6 Prozent zum heimischen Bruttoinlandsprodukt beiträgt.

Stadthotellerie holt stark auf

Selbst in Wien entwickeln sich die Gästezahlen besser als erwartet. Im Mai lagen die Buchungen bereits bei 75 Prozent des Niveaus vor der Pandemie. "Es fehlen noch die asiatischen Gäste", sagt Fritz. Dafür kommen wieder viele Touristen aus Großbritannien und den USA. Die Befürchtung, US-Bürger würden Europa aufgrund des Ukraine-Kriegs meiden, habe sich nicht bewahrheitet.

Natürlich zieht es heuer wieder viele heimische Touristen an Strand und Meer. In Anbetracht stark steigender Preise für Flüge und Mietautos, von Streiks, ausgefallenen Flügen und Problemen bei der Gepäckabfertigung werden viele ihrem Urlaub in Österreich möglicherweise etwas nachtrauern. "Und manche planen kurzfristig um", sagt Hotelier Alexander Ipp. Der Vizepräsident der Hoteliervereinigung erzählt von Gästen, die den Spanien-Urlaub kurzerhand abgeblasen haben und doch in Österreich bleiben. Ipp spricht von einer "stabilen und guten Nachfrage" bei den heimischen Hoteliers. Allerdings sei diese nicht mehr so hoch wie in den vergangenen zwei Jahren. Und möglicherweise gebe es an der Peripherie dann doch manche Betriebe, die nicht mehr voll belegt sein werden.

Auch für Marianne Daberer vom Biohotel Daberer in Dellach im Kärntner Gailtal ist der heurige Sommer "nicht vergleichbar mit den vergangenen zwei Jahren". Die "extrem intensive Nachfrage" sei auch belastend gewesen, erinnert sie sich.

Hotelier Erwin Berger ging es genauso. "Voriges Jahr hätten wir jedes Zimmer viermal belegen können, heuer nur einmal, aber das reicht." Mittlerweile ist also im Biohotel Daberer wieder gewohnter Hochbetrieb. "Unsere Saison läuft super", sagt die Hotelière. Sie weiß, dass sich ihre Gäste nicht "zufällig" ins Gailtal abseits der Kärntner Seen verirren. Wer hier bucht, sucht bewusst Naturerlebnis, Genuss und Entschleunigung.

Aber gibt es nicht auch im Tourismus große Probleme, wie Teuerung und Personalnot? Ja, die Teuerung sei natürlich auch für sie ein großes Thema, sagt Daberer. "Wer rechtzeitig gebucht hat, hat jetzt einen Preisvorteil", sagt sie.

Was alle im Tourismus heuer finanziell spüren werden, ist die Umsatzsteuer. Die war ja vorübergehend halbiert worden und muss nun wieder voll abgeführt werden. "Gute Betriebe werden eine Saison selbst mit so starker Teuerung überstehen", ist Erwin Berger überzeugt. Aber es könnte heuer jene Unternehmen treffen, die gerade noch mit Staatshilfen über die Runden gekommen sind. Auch im Tourismus werde es einen Reinigungsprozess geben.

Es fehlen 30.000 Mitarbeiter

Der Personalmangel müsste nicht so extrem sein, wenn die Politik flexibler und pragmatischer wäre, sagt Alexander Ipp. Der Branche fehlen aktuell 30.000 Mitarbeiter. "Doch es gibt viele Menschen im Land, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen", sagt Ipp. Er meint etwa Asylwerber. Diesen könnte man ja eine befristete Arbeitserlaubnis ermöglichen, meint Ipp. "Das kostet uns keinen österreichischen Arbeitsplatz. Denn jene, die im Tourismus arbeiten wollen, haben längst einen Job."

Ipp erzählt von Hoteliers, die nur einen Teil der Betten belegen können, weil sie zu wenige Leute haben. Es gebe Gastronomen, die Bereiche des Gastgartens absperren, weil sie zu wenig Kellnerinnen und Kellner haben.

So mancher Hotelier kann aber die Debatte von der Personalnot gar nicht mehr hören. Erwin Berger ist einer davon. "Wir müssen aufpassen, dass wir uns mit dem Gejammer nicht auch noch jene vergraulen, die noch gern bei uns arbeiten", sagt er. Er persönlich habe am Feuerberg kein Personalproblem. Womöglich liege es daran, dass er sich um seine Mitarbeiter auch schon vor der Pandemie "außerordentlich bemüht" habe, sagt Berger.

Auch Marianne Daberer klagt nicht über Personalnot, sondern geht neue Wege. Aktuell werken zwei Erasmus-Studenten aus Litauen in der Küche. Und für die Mitarbeiter wurde jüngst ein zweites Team-Haus fertiggestellt. "Die Appartements müssen den Vergleich mit den Gästezimmern nicht scheuen", sagt Daberer. Der Betriebskostenbeitrag sei sehr günstig. Neben derartigen Anreizen sei es aber vor allem die Unternehmenskultur, die für das Recruiting immer wichtiger sei. Junge Mitarbeiter wollen in Unternehmen arbeiten, die auch eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Das Wort "Nachhaltigkeit", nimmt Marianne Daberer dabei bewusst nicht in den Mund. Der Begriff sei längst zum Werbeklischee verkommen.