„Wir müssen lernen, dass der Gast uns sagt, was er für einen Urlaub möchte“

Für den neuen ÖVP-Landesrat für Tourismus, Wirtschaft und Digitalisierung Mario Gerber ist „sanfter Tourismus“ schwierig

Gerber möchte mit Mythen aufräumen: Dass der Tourismus nicht umweltverträglich ist, glaubt er nicht. Das müsse man sich erst genauer anschauen.

Mario Gerber macht beim Interview einen bestimmten Eindruck, man merkt, er weiß, was er will. Gekommen ist er wie üblich mit seinen weißen Nike-Sneakers.

Herr Gerber, laut Ihnen „denken Sie Politik anders“. Was meinen Sie damit?

Ich glaube, man muss auch den Mut haben, über gewisse Sachen lauter nachzudenken. Natürlich ist derzeit die Handlungsfähigkeit aufgrund der Krisen eingeschränkt. In meinem Ressort gibt es keine Experimente. Trotzdem arbeiten wir an Dingen, die wir ändern wollen.

Apropos Änderungen: Was steht denn als Erstes auf Ihrer To-do-Liste?

Die Bewältigung der Krisen. Investitionen auslösen, die Wirtschaftsforschung neu aufsetzen, die Gremien in der Wirtschaft und im Tourismus neu aufsetzen. Im Tourismus ist mir der Dialog mit der Bevölkerung ganz wichtig.

Der Dialog in Bezug auf Arbeitsplätze, Overtourism, Naturschutz etc. ?

Ich glaube, wir müssen alles daran setzen, die Bevölkerung beim Tourismus mit ins Boot zu nehmen. Bei den Schlagwörtern, die Sie gerade genannt haben, zucke ich ein bisschen zusammen. Das muss man sich genau anschauen: Wo haben wir denn Overtourism? Ich habe das Dialogforum Tourismus ins Leben gerufen, wo es auch um das Zuhören geht. Es muss uns gelingen, die Mythen und Fakten endlich zu trennen. Auch beim Thema Umwelt: Wie nachhaltig sind wir denn? Ich traue mich zu sagen, dass der Tourismus seine Hausaufgaben gemacht hat. Man muss zuerst den Status quo erheben.

Am Anfang der Coronazeit wurde ja von „sanftem Tourismus“ gesprochen. Würden Sie das also relativieren und sagen, man muss erst eine Analyse durchführen?

Nein. Aber: Wir müssen endlich einmal lernen, dass der Gast uns sagt, was er für einen Urlaub haben will. Wir haben in Tirol intensiven und sanften Tourismus, wobei „sanfter Tourismus“ für mich schwierig ist, ich nenn es immer „ruhigen Tourismus“. Doch das Credo ist: Mehr Qualität statt Quantität. Ich setze auf Preisdurchsetzung. Wir dürfen uns in Tirol nicht zu billig verkaufen.

„Wir brauchen in Tirol das Skifahren als DNA“Wie sehen Sie in Anbetracht des Klimawandels die Zukunft des Tourismus?

Ich glaube, wir haben viel Potenzial, was den Sommer betrifft. Aufgrund der Höhe kann Tirol hinsichtlich der Temperatur ein Zukunftsfeld werden. Was den Winter betrifft: Wir haben die Möglichkeit, Pisten zu beschneien. Wir brauchen das Skifahren als DNA, auch für die Bevölkerung.

Wir haben einen extremen Mangel an Arbeitskräften.

Das ist kein Tiroler Problem, das ist ein Problem der EU. Wir haben einen leer gefegten Arbeitsmarkt. Ich maße mir nicht an, festzustellen, ob Menschen genug arbeiten oder nicht. Ich bin aber ein absoluter Verfechter der Leistungsgesellschaft. Außerdem sind wir ein Zuwanderungsland. Uns muss klar sein, dass wir unsere eigenen Arbeitskräfte nicht mehr haben. Die Babyboomer-Generation ist vorbei. Deswegen brauchen wir eine qualifizierte Zuwanderung. Aber Achtung: Qualifiziert. Ich halte nichts von „Kommt alle her“.

Gibt es hier Überlegungen, wie das zu schaffen ist?

Wir müssen unbedingt das Drittstaatenkontingent aufmachen.

„Wir brauchen eine Gas- und Strompreisbremse“Soll man die Arbeitsplätze mit diversen „Zuckerln“ attraktiver machen?

Wir müssen die Kinderbetreuung ausbauen. Das ermöglicht Frauen, arbeiten zu gehen. Halbtagsjobs sind ja auch hinsichtlich der Pension ungünstig.

Wie kann man den Wirtschaftsstandort stärken?

Ich werde mich dem Thema Start-ups stark widmen. Wir leben in einem wunderschönen Land, wir sind auch gefragt, zum Beispiel beim Thema „Workation“ (ein Mischwort aus dem englischen work – Arbeit – und vacation – Urlaub, Anm.). Wir brauchen eine Lösung, was die Energiepreise betrifft. Entweder müssen wir das auf EU-Ebene lösen oder eine Gaspreis- und Strompreisbremse für Unternehmen einführen.

Die zunehmende Digitalisierung braucht Sicherheit – 2017 sind Sie selbst Opfer eines Hacker-Angriffs geworden. Wie kann man die Daten, die das Land Tirol über die Tiroler hat, schützen?

Im Landhaus arbeiten 200 Menschen nur an der Digitalisierung. Nur wenn wir ein digitalisierter Standort sind, sind wir auch in Zukunft erfolgreich. Zum Thema Cyber Security: Da ist viel passiert, auch seitens der Anbieter. Neben der Sicherheit geht es mir aber mehr darum, den Wirtschaftsstandort digitalisiert zu machen.